Lehre im Wintersemester 2024/25

Hier findet sich neben dem Lehrangebot auch eine Auswahl an Studierendenarbeiten und Impressionen vom IGmA-Day.

Entwurfsstudio

Rollercoaster 1 – Freizeit- und Erlebnisarchitekturen

Rollercoaster 1 beschäftigt sich mit der Frage, wie sich unsere Freizeitkultur auf die Gestaltung von Städten auswirkt. Der Titel Rollercoaster dient dabei als Metapher für eine Gesellschaft, in der Erlebnisse, Abwechslung und emotionale Intensität eine immer größere Rolle spielen. Ausgangspunkt ist die historische Entwicklung der Freizeit als eigenständiger Lebensbereich und wirtschaftlicher Faktor. Mit ihr verändert sich die Rolle der gebauten Umwelt: Stadträume werden nicht mehr allein nach funktionalen Kriterien organisiert, sondern zunehmend nach Aufmerksamkeit, Aufenthaltsqualität und Erlebnisintensität gestaltet. Einkaufszentren, Eventformate, temporäre Installationen oder thematisierte Stadträume operieren mit Strategien, die ursprünglich der Freizeitarchitektur und dem Kulissenbau entstammen. Eine mehrtägige Exkursion nach Wien ergänzte das Entwurfsstudio. Im Fokus stand der Wiener Prater als historisches Beispiel einer urbanen Freizeitlandschaft und als früher Ort der Erlebnisarchitektur. Darüber hinaus wurden ausgewählte Projekte von Otto Wagner untersucht, um den Zusammenhang von Infrastruktur, Gestaltung und moderner Stadterfahrung zu diskutieren. Am Beispiel von Stuttgart untersuchten die Studierende Orte, an denen der Stadtraum gezielt inszeniert wird. Dabei geht es um Fragen wie: Wo wird Stadt zum Erlebnis? Welche Strategien werden eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen? Und wie verändert sich die Rolle von Architektur, wenn sie nicht nur Raum organisiert, sondern auch Stimmungen und Erwartungen gestaltet? Die daraus entstandenen Entwürfe zeigen in vielfältiger Form, wie Raum und Erlebnis zusammenwirken. Dabei war die Wahl des Mediums freigestellt. Am Ende des Semesters wurden die Entwurfsergebnisse im Rahmen einer gemeinsamen Ausstellung im Foyer des Kollegiengebäudes 1 ausgestellt und am IGmA Day 24/25 präsentiert. 

Studierendenarbeiten

Plazall®

Der Plazall® ist ein frei zugänglicher Spielplatz für alle, der das Spielen im Stadtraum in der Freizeit erlebbar macht. Das Gesellschaftsspiel Plazall® stärkt das Spielen für alle - denn in diesem Spiel spielt man das Spielen. Der Plazall® am Stuttgarter Schlossplatz wird spielerisch erkundet, während durch das Erfüllen von Aufgaben Plazall®-Chips gesammelt werden.

IMPACT STUTTGART – Tagebuch eines Aliens

Nach einer Bruchlandung in Stuttgart beginnt ein Alien, ein Tagebuch zu führen – eine Chronik voller Entdeckungen und Abenteuer. Doch als das reparierte Raumschiff endlich abhebt, geht etwas schief: Statt in der Heimat stranden sie erneut im Unbekannten. Eine Suchtruppe landet am gleichen Ort, stößt auf das verlorene Tagebuch und setzt die Aufzeichnungen fort. Wie diese außerirdischen Besucher unsere Stadt mit neuen Augen sehen – und sogar verändern – enthüllt das Buch.

DU und ICH

Wir leben in einer Welt, in der Konsum unsere Wünsche bestimmt und Kapitalismus unser Handeln steuert. Tagtäglich werden wir von Werbung, sozialen Medien und gesellschaftlichen Erwartungen beeinflusst – oft so subtil, dass wir es kaum noch hinterfragen. Sexismus, Rassismus, Homophobie, Ungerechtigkeit und jede Form von Diskriminierung sind tief in der Gesellschaft verankert. In einem Moment werden sie unsichtbar gemacht, im nächsten Moment offen gefeiert. Nicht nur applaudieren sich die Täter, auch wir tun es ihnen gleich und ignorieren die Opfer. Sie sind nicht nur Teil der Geschichte, sondern leben fort in unseren Institutionen, in Sprache, in Bildung und in den Köpfen vieler Menschen.

Wem geben wir Raum? Wer wird gehört? Und wer bleibt ohne Stimme? Die im Video gezeigte Performance fand in den Räumen der Universität statt – einem Ort, der für Bildung, Austausch und Zukunft steht, und doch oft bestehende Machtverhältnisse widerspiegelt. Genau dort wurde Raum genommen und zugleich neu geschaffen: für Körper, Stimmen und Perspektiven, die sonst an den Rand gedrängt werden. Die Performance arbeitet mit dem Begriff Raum – als physischer Ort, als gesellschaftliche Struktur, als Möglichkeitsfeld. Sie hinterfragt, wer diesen Raum definiert, wer ihn einnehmen darf und wer systematisch ausgeschlossen wird. Durch Bewegung, Präsenz und Stille wird sichtbar gemacht, was sonst übersehen wird – und so entsteht ein Raum des Widerstands, des Zuhörens und der Veränderung.

UNTERUNS

Das Projekt „UnterUns“ widmet sich den über 300 Stollen in Stuttgart, die während des Zweiten Weltkriegs als Schutz vor Luftangriffen in die Anhöhen der Stadt gebaut wurden. ÜberdieWebsite„https://unter-uns.space/“werdendieStollendokumentiertundladenzur virtuellen Erkundung ein.Dadurch soll Aufmerksamkeit für diese unsichtbaren Räume geschaffen werden und über neue Nutzungsmöglichkeiten diskutiert werden. Zurzeit steht der Großteil der Stollen leer, Ziel ist es, die Stollen öffentlich zugänglich zu machen, von der Stadt verwaltet und von Vereinen wie dem Kultur Bunker betrieben werden.

Ilham 

Ilham (herk. arabisch) ‒ eine tiefe Eingebung, die Gedanken bewegt und Veränderung anstößt. Unsere Designs sind nicht nur ein Teil einer Produktlinie, sie zeigen Erlebnisse aus Stuttgart: die, die existieren, die, die fehlen, und die, von denen wir träumen. Jedes Stück ist Teil einer Bewegung, die Gespräche anregt, Aufmerksamkeit schafft und die Stadt mitgestaltet. Trage Ilham, werde Teil des Dialogs und inspiriere andere, Stuttgart neu zu denken.

Ilham ‒ Kunst. Vision.Veränderung.

Für eine Stadt, die inspiriert und gemeinsam träumt.

Wolkenhüpfer

Das Projekt Wolkenhüpfer Stuttgart macht ungenutzte Dachflächen sichtbar und erlebbar.  Viele Flachdächer der Innenstadt bleiben ungenutzt, während Gebäude leerstehen oder vom Abriss bedroht sind. Mit einem parasitären Freizeitpark auf diesen Dächern wollen wir diesen Raum revitalisieren, die Diskussion über diese Räume anregen, eine neue Stadtebene erschließen und einen Mehrwert für die Bewohner:innen Stuttgarts schaffen.

Seminare

Als einer der zentralen Begriffe unserer Zeit ist die Freiheit in aller Munde. Vor der Europawahl 2024 diente sie als Schlagwort für politische Kampagnen aller Couleur, wurde nicht erst durch die Corona-Proteste zur Kampfparole für gesellschaftliche Protestbewegungen, und auch das Wissenschaftsjahr des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) nahm sich die Freiheit zum Leitthema. Der wandel- und formbare Begriff ist keineswegs nur Teil politischer und ökonomischer Auseinandersetzungen, sondern durchzieht auch den wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Diskurs. Das Leitbild der liberalen und freiheitlich-demokratischen Gesellschaft prägte über Jahrhunderte die Architektur- und Stadtentwicklung. Heute ist der Begriff insbesondere durch libertäre Raumproduktionen im Architektur- und Städtebaudiskurs präsent. Dabei wird schnell deutlich, dass es sich um äußerst unterschiedliche und zum Teil auch widersprüchliche Auffassungen des Freiheitsbegriffs handelt. Das Seminar ist der Auftakt für ein neues Forschungsfeld am IGmA und widmet sich ideengeschichtlich dem Liberalismus. Gemeinsam warfen wir einen Blick in die Geschichte und philosophischen Grundpositionen der liberalen Bewegungen , die konstitutiv für unsere freiheitliche Grundordnung waren und setzten diese in Bezug zum zeitgenössischen liberalen und libertären Diskurs. Um das Themenfeld in seiner Vielschichtigkeit und Komplexität aufzufächern, wurde neben dem gemeinsamen Lesen und Diskutieren ein seminarbegleitendes Tagebuch mit Texten und Collagen gefüllt, die Verknüpfungen zwischen dem historischen und zeitgenössischen Diskurs schafften und die Wechselwirkung von Liberalismus und Raumproduktion untersuchten. Stück für Stück fand eine Annäherung von der Idee der Freiheit an ihre räumlichen Dimensionen statt, um so im Weiteren die Gestaltungsforderungen, die durch den Liberalismus formuliert wurden, historisch kritisch zu reflektieren. Die Seminartagebücher waren Teil der IGmA-Day-Ausstellung.

Mit Beiträgen von Sümeyra Aydogan, Julian Bölling, Annika Bünnagel, Isabel Erb, Michael Feller, Fabienne Fink, David Fischer, Nanis Hisham Mahmoud Gado, Clara-Sophie Gaenslen, Amelie Häcker, Alexander Hammes, Felix Hardwig, Vianne Heid, Maya Hummel, Nida Izgi, Maximilian Möss, Leonie Philipp, Laura Plasser, Lea Rahrt, Tom Reeg, Friedrich Schüfer, Julian Schwarzenbacher, Karen Thabet, Beyza Turan und Gabraiela Youssef.

Lehrperson: Giuliana Fronte

Forschungen zur europäischen Architektur des 18. Jahrhunderts sind nach wie vor von einer metropolitanen Perspektive geprägt. Auch Manfredo Tafuriseinflussreiche Ideologiekritik der bürgerlichen Stadt, die in dieser Zeit ansetzt, bezieht sich allein auf die Großstädte Europas. Statt London oder Paris wollen wir im Seminar dagegen Siedlungen europäischer Großmächte in entstehenden und bereits etablierten Kolonien in den Blick nehmen: Bürgerliche Villen entstehen um 1800 ebenso in Alipore oder Chowringhee wie in Twickenham oder Chiswick; neo-palladianische Kirchenbauten finden sich ebenso in Kingston oder Spanish Town wie in London oder Westminster. Der Transfer metropolitaner Architekturen in die Kolonien lässt sich unter ganz unterschiedlichen Aspekten untersuchen: Wir wollen insbesondere in den Blick nehmen, welche Rolle Kolonialarchitektur um 1800 bei der Errichtung einer bestimmten kulturellen und gesellschaftlichen Ordnung unter europäischer Herrschaft spielte.

Um uns dem Konzept Kolonialer Moderne(n) anzunähern, lesen wir klassische Texte zur Theorie der Moderne und zu ihrer Kritik aus postkolonialer Perspektive, beispielsweise durch die Subaltern Studies Group um den Historiker Ranajit Guha. Außerdem betrachten wir einige Aspekte metropolitaner Architektur um 1800insbesondere im Georgianischen London– und aktuelle Forschungen zu Kolonialarchitekturen. Im zweiten Schritt betrachten wir Schauplätze der europäischen Expansion im Sinne Kolonialer Moderne(n). Der Zusammenhang zwischen Entwicklungen in Metropole und Kolonie soll dabei ebenso deutlich werden wie die Gewaltgeschichte, an der auch zivile Kolonialarchitekturen teilhaben. Gleichzeitig wollen wir uns für die politischen Dimensionen historischer Forschung sensibilisieren, die in der Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichte derzeit vielleicht besonders deutlich wird: Die Vereinnahmung kolonialer Vergangenheiten zeigt sich beispielsweise in der nationalistischen Politik des amtierenden indischen Premierministers Narendra Modi ebenso wie in aktuellen erinnerungspolitischen Debatten in Deutschland oder in Positionen zum Nahostkonflikt.

Lehrperson: Leo Herrmann

Seminar mit anschließender Exkursion nach Namibia: Unter den Gesichtspunkten von Raum und Gewalt werden wir die historischen und zeitgenössischen Kontexte dieses Landes untersuchen – von präkolonialen Zeiten über die Zeit als deutsche Kolonie (1884-1915) und südafrikanisches Mandatsgebiet (1920-1990) bis hin zur semipräsidentiellen Republik (1990-heute). Das Exkursionsseminar bietet die Gelegenheit, die Geschichte dieses Ortes durch die Linsen von Architekturtheorie und -produktion, Raumplanung, Bildproduktion, Tourismus und politisch-struktureller Gewalt durch Kolonialismus und Apartheid zu betrachten.

 Wir besuchen unter anderem die Hauptstadt Windhoek sowie die Küstenstädte Swakopmund und Lüderitz. Dabei diskutieren wir konkret nicht nur die gebaute Erinnerungskultur, die (bis heute andauernde) koloniale Unterdrückung, den Völkermord an den Herero und Namasondern auch aktuelle Projekte wie die Wasserstoff-Kooperation zwischen Deutschland und Namibia. Hierfür treffen wir Expert:innen, Aktivist:innen und Bürger:innen des Landes. 

 Lehrperson: Philipp Krüpe

Moderne Architektur stellt in ihren räumlichen, formalen, strukturellen, technischen und tektonischen Ausprägungen eine Widerspiegelung ihrer materiellen und gesellschaftlichen Verhältnisse dar. Sie ist wie die anderen Künste eine mimetische Disziplin, die, wie Walter Benjamin es formulierte, über eine „unsinnliche Ähnlichkeit“ gesellschaftliche Verhältnisse sichtbar werden lässt. Architektur ist in mehrfacher Weise mimetisch: Sie ahmt in ihren Werken die Natur nach und sie appelliert direkt an unser körperliches Empfinden. In ihren Sprachformen imitiert sie sich selbst und ist Darstellung einer Kultur und als Ausdrucksform berührt sie unsere Empfindungen.

Im Seminar werden die verschiedenen Ebenen architektonischer Mimesis (lat: imitatio) anhand von exemplarischen Texten aus der Antike bis zu Georg Lukács, Theodor W. Adorno, Peter Eisenman und Alan Colquhoun analysiert und anhand gebauter Beispiele moderner Architektur diskutiert.

Lehrperson: Dr. Hartmut Mayer

Impressionen aus den Seminaren

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